„Ich wollte in existentiellen Notlagen für die Menschen da sein!“

veröffentlicht 30.06.2026 von Christian Weise, Dekanat Rheingau-Taunus

Renata Kiworr-Ruppenthal wechselt ans Zentrum Seelsorge

[Rüdesheim; 30.06.2026; cw] „Seit Kindheitstagen habe ich mich gefragt, was passiert, wenn ich sterbe“, sagte die Hospiz- und Klinikpfarrerin Renata Kiworr-Ruppenthal in ihrer Abschiedspredigt im ökumenischen Gottesdienst in der Wallfahrtskirche St. Hildegard Eibingen in Rüdesheim. Die vielgefragte Klinikseelsorgerin wechselt nach fünf Jahren als Hospizpfarrerin im St. Josefshospital Rüdesheim und als Vorsitzende des ökumenischen Hospiz-Dienstes Rheingau an das Zentrum für Seelsorge der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) mit Sitz in Friedberg und wird dort für die Qualifizierung und Begleitung von Ehrenamtlichen in der Seelsorge in der EKHN zuständig sein.

Kiworr-Ruppenthal zeigte sich dankbar für die vielen Begegnungen und Erfahrungen, die sie mit Angehörigen und Sterbenden machen durfte. „Ich habe unendlich viel gelernt auch sehr viel Gottvertrauen erlebt, trotz allen Leides. Davon zehre ich noch heute“, betonte sie. Gleichzeitig stellte sie fest:„ Wir können noch so oft über den Tod nachdenken, üben können wir ihn nicht. Es gibt im Leben viele Wege, die es zu finden gilt und Türen, durch die wir gehen müssen. Die letzte Tür unseres Lebens erreichen wir alle irgendwann. Aber niemand habe einen Reiseführer für das Land hinter dieser Schwelle. Viele Menschen verdrängten die Frage nach dem was nach dem Tod komme. Seelsorge versuche in diesen Situationen, „ein Haus zu sein für all‘ diese Fragen, wenn ein Mensch sich auf einmal unbehaust fühlt“, erklärt die Pfarrerin. Keiner lebe für sich allein. Sie zitiert dabei Lew Tolstoj aus seinem Werk „Der Tod des Iwan Iljitsch“: „Wir alle müssen sterben. Warum sollten wir uns nicht umeinander kümmern?“. 

“Lernen zu lieben und uns lieben zu lassen”

Für Kiworr-Ruppenthal bedeutet das, dass man trotz aller ungeklärten Fragen zum eigenen Lebensende und nach Leid, dennoch etwas tun könne. „Vertrauen und Gutes tun“ seien zwei Seiten einer Medaille. Durch glaubende Hoffnung und tätigem Glaube zeige Kirche ihre Relevanz für die Gesellschaft: „Vor allem in Zeiten, wo Anstand, Würde und Demokratie in Gefahr sind“, so die Pfarrerin. Im Rheingau sei man in ökumenischer Verbundenheit und mit viel Herzblut unterwegs. Dies sei die Haltung des Hospizdienstes und die Haltung der Seelsorge. Vielleicht sei gerade das die schönste Vorbereitung auf den letzten Weg, „dass wir lernen zu lieben und uns lieben zu lassen“, sagte Kiworr-Ruppenthal Die Ausbildung von ehrenamtlichen Hospizhelferinnen und -helfern, lag ihr deshalb besonders am Herzen.

Dekan Norbert Feick dankte der Seelsorgerin und zeichnete ihre eindrucksvollen Lebensweg nach. Mit Stationen in Ottawa, Rheinhessen, Heidenrod, Mainz und Rüdesheim. „Sie machen keine halben Sachen“, sagte er deutlich. Sei es bei ihrem ehrenamtlichen Einsatz für die Notfallseelsorge oder auch im Pfarramt. „Ich wollte in existentiellen Notlagen für die Menschen da sein!“ habe sie in einem Gespräch mit ihm formuliert. „Wer dich näher kennenlernt spürt schnell, die Liebe zu den Menschen, deine hohe Einsatzbereitschaft als Pfarrerin und vor allem Seelsorgerin, ziehen sich wie ein roter Faden durch deine Biographie.“ 
Anschließend erhielt Kiworr-Ruppenthal sehr langanhaltende stehende Ovationen für ihre Arbeit, ihr Engagement und ihre Haltung. 

Biografie Renata Kiworr-Ruppenthal

Renata Kiworr-Ruppenthal studierte Evangelische Theologie sowie Englisch und Russisch, zunächst mit Staatsexamen auf Lehramt. Nach dem theologischen Examen ging sie zum Vikariat nach Rheinhessen, nach Bubenheim und Engelstadt. Später begann sie eine Ausbildung zu Notfallseelsorgerin. Nach ihrem Vikariat verbrachte sie ihr Spezialvikariat in Ottawa in Kanada. Zurück in Deutschland trat sie ihre erste Pfarrstelle in im heutigen Dekanat Rheingau-Taunus in den Kirchengemeinden Dickschied, Niedermeilingen und Zorn an. Anschließend arbeitete sie über zehn Jahre in der Klinik- und Notfallseelsorge in Mainz. Davor war sie Pfarrerin der Evangelischen Thomasgemeinde in Mainz.

Kraft für diese herausfordernde Arbeit zieht die 54 jährige aus ihrer Familie und dem sozialen Umfeld. Und aus ihrem Glauben: „Ohne meinen Glauben könnte ich diese extremen Situationen nicht aushalten. Er wird oft gefordert und in Frage gestellt. Trotzdem habe ich die Hoffnung, dass es etwas über den Tod hinaus gibt. Ich glaube, dass solch‘ schreckliches Leid nie der Endpunkt für Menschen ist. Und dass wir im Sinne Jesu viel füreinander tun können, um Leid nicht alleine ertragen zu müssen.“ Ihre Teams geben dabei starken Rückhalt.