Jede und jeder Mensch stellt sich im Leben mehr als einmal die Frage, warum Leid geschieht. An einem persönlich, bei nahestehenden Menschen oder angesichts der Weltenlage. Und oft wird die Frage gestellt, warum Gott dieses Leid zulasse. Diese sogenannte Theodizee-Frage hat sich auch der Philosoph Friedrich Nietzsche gestellt. Nietzsche selbst musste viel schweres Leid in seiner Familie erfahren. Sein Vater – von Beruf Pfarrer - litt an einer Hirnerkrankung, unter der der Vater und die Familie sehr leiden mussten und an der er schließlich qualvoll starb. Kurze Zeit später starb auch noch Nietzsches Bruder im Alter von nur zwei Jahren. Im Hause Nietzsche wurde dieses unsägliche Leid nicht hinterfragt oder beklagt, erklärt Tietz, die im vergangenen Jahr eine viel beachtete Biografie über den Philosophen geschrieben hatte. Eine Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben, das Äußern von Zweifeln, fand in der Familie Nietzsche nicht statt.
Mutter und Vater hätten das Leid einfach entgegengenommen und gingen davon aus, dass dahinter irgendein Sinn liege. Die Vertröstung auf gute Zeiten im Jenseits stand im Fokus. Das war für Nietzsche und ist auch für die Kirchenpräsidentin aber ein falscher Trost. „Damit wendet man sich von diesem Leben ab und versucht es nicht zu verbessern oder sich dem Leben zu stellen“, so Tietz.
Diese fehlende Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben sei häufig die Grundlinie der Religionskritik. Mit Blick auf 9/11 führte es dazu, dass manche Gruppierungen sagten, dass die Taten zeigten, wie gefährlich Religion an sich sei. Andere dagegen sahen es plötzlich als ihren christlichen Auftrag an, jetzt die Anhänger des Islam zu bekämpfen. Für Tietz ist klar: „Religion ist nicht automatisch schlecht, aber Religion ist auch nicht automatisch gut.“ Religion habe beides: Sowohl Gewaltpotential als auch Friedenspotential. Letzteres gelte es unbedingt zu stärken. „Deshalb ist vernünftiges, kritisches Nachdenken über Religion, vor allem über die eigene Religion, so wichtig.“ Auch aus diesem Grund habe sie sich dem Religionskritiker Friedrich Nietzsche gestellt.
Wunsch nach Glauben ohne Denkverboten
Aus Sicht Nietzsches wurden Menschen aus Unfreiheit zu Christen. Freie Menschen bräuchten kein Ideal, keine Tradition oder eine Religion. Für Nietzsche war klar, dass „er selbst Gott vernichten muss.“ Genauer gesagt, sein eigenes Gottesbild. „Warum glaube ich? Was sind meine Gründe dafür?“ Die Auseinandersetzung mit dem eigenen christlichen Glauben sei unabdingbar, so die Kirchenpräsidentin. Christiane Tietz betonte gegenüber den knapp 80 Zuhörenden im Niedernhausener Gemeindesaal, dass „in mir bei der Begegnung mit den Texten Nietzsches der Wunsch nach einem Glauben an Gott gewachsen ist, bei dem der Mensch sich traut, aufs offene Meer zu fahren und auf den freien Horizont zu blicken; nach einem Glauben ohne Denkverbote. Nach einem Glauben, durch den man selbstgestaltende, mündige Verantwortung für diese Welt übernimmt.“
Nietzsche trieb seine Philosophie immer mehr in eine Richtung, in der kein Platz für Mitleid und für schwache Menschen war. Mitleiden mache jemanden zum Hypochonder, so seine Theorie. Nietzsche war stolz auf sich, kein mitleidiges Herz zu haben, keine Empathie zu zeigen. Dieser Gedankengang eines „Glaubens nur an sich selbst“, zeige sich heute bei etlichen Machthabern, warnte Tietz. „Bloß nicht selbstlos sein, bloß keine Rücksicht nehmen.“ Nach Nietzsches Ansicht hatte nicht jeder Mensch das gleiche Recht. Nietzsche entwickelte das Bild des Übermenschen und der Herren-Moral sowie der Sklaven-Moral, stellte Tietz klar. „Was für mich gut ist, ist gut“, lautete seine Philosophie. „Diese abscheuliche Sichtweise Nietzsches“ wurde dann an vielen Stellen von den Nationalsozialisten übernommen, so Tietz. „Die Geschichte hat gezeigt: Eine Welt ohne Nächstenliebe wird zur Hölle.“ Jeder Mensch kenne Situationen der Schwäche, auch Nietzsche, der schwer krank und ständig auf Unterstützung und Hilfe angewiesen war.
„Wir brauchen polyphones Ohr“
Tietz werde häufig auf die Rolle der Evangelischen Kirche in der aktuellen Situation angesprochen. „Kirche ist wichtig, gerade jetzt“, sei einer der Sätze, die sie oft zu hören bekomme. „Wir brauchen ein polyphones Ohr“, schlussfolgert sie daraus. „Ich kann unterschiedliche Stimmen hören und Spannungen aushalten.“ Es gelte als Kirche zu verstehen, „was Menschen dazu gebracht hat, dass sie die jeweilige Position und Meinung haben.“ Aufgabe von Kirche sei es auch, „Räume zu schaffen, wo sich alle treffen und unterhalten können“, so die ordentliche Professorin.
Warum sollte man so einem Menschen wie Nietzsche überhaupt Beachtung schenken, lautete einer der Fragen aus dem Publikum. Die Auseinandersetzung mit Nietzsche, der ein Misanthrop war, also jemand, der keine Menschen liebt, habe bei Christiane Tietz noch stärker die Haltung gestützt, dass man den eigenen Glauben hinterfragen und Gründe für den eigenen Glauben finden müsse. Man könne nicht einfach willenlos Glaubenssätze übernehmen. Gerade im Blick auf die Ereignisse von 9/11 und den aktuellen Wahlergebnissen in Sachsen-Anhalt sei dies enorm wichtig. Nietzsche habe Recht gehabt, wenn er ein weltflüchtiges Christentum oder die Vorstellung eines strafenden und Leiden schickenden Gottes ablehne. „Ich rate Ihnen zu einem durchdachten Glauben“, plädierte Tietz.
In diesem Zusammenhang wies die Kirchenpräsidentin auf einen Beschluss der Landessynode hin, die das „Kirchenparlament“ im Frühjahr mit Blick auf die bevorstehenden Kirchenvorstandswahlen gefasst habe: Ein Mensch, der extremistisches Gedankengut vertrete, oder die Sichtweise vertrete, dass nicht allen Menschen das gleiche Recht und die gleiche Menschenwürde zustehe, oder in Organisationen Mitglied ist, die solches Gedankengut vertreten, der dürfe keine Leitungsverantwortung in der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau übernehmen.